Leserbrief «Die schweigende Mehrheit»

Leserbrief von Gemeinderat Dani Hafner (16.06.2021):

Franz Schilt meint, dass Grenchen weniger links tickt als die anderen beiden Städte des Kantons. Diese Feststellung ist so unbestritten wie bemerkenswert.Grenchen galt in seiner jüngeren Stadtgeschichte bis gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts – ähnlich wie Olten – als «rote Hochburg». Der von linker Seite initiierte Landesstreik fand in dieser Stadt einen bedeutenden Rückhalt. Die Ereignisse überschlugen sich damals, 3 Tote waren das traurige Verdikt. Die SP verfügte während Jahrzehnten über die stärkste Fraktion in der Exekutive, das Stadtpräsidium war ebenso lange in ihrer Hand. Mit dem Verlust der Wählerstimmen für die Linke ging ein weiteres Phänomen einher, auf die der Autor keinen Bezug nimmt: Der Rückzug von der politischen Mitwirkung der Bevölkerung. Die Stimmabstinenz ist im Vergleich zu Olten und Solothurn im Schnitt um bis zu 30% höher, so auch am vergangenen Sonntag, an dem 60% der Stimmberechtigten – eine schweigende Mehrheit – kein Interesse an einer Stimmabgabe zeigten.Ein solches Verhalten setzt auch auf nationaler Ebene Akzente und führte vor Jahren zu einem SRF-Dokumentarfilm, der in der Kommune für viel Aufregung sorgte. Die Chance, die Erosion der Mitbestimmung in dieser Stadt selbstkritisch zu hinterfragen, blieb unerkannt. Die CO2-Vorlage war mitnichten ein «linkes Produkt» sondern ein von allen Parteien getragenener Kompromiss. Bekämpft wurde sie auf politischer Seite nur von der SVP.Die bürgerlich dominierte Regierung dieses Landes hat das Pariser Abkommen ratifiziert, unser Land steht in der Verantwortung. Das CO2-Gesetz bedeutete einwichtiger Schritt zur Erfüllung der vereinbarten Ziele. Diese Erkenntnis war keine Frage von «links» oder «rechts» sondern die der Weitsicht und der Fähigkeit zumvernetzten Denken. Innovation und Fortschritt gingen in der Geschichte immer von den Städten aus. Viele Bewohner*innen sprechen vom «Gang ins Dorf», wenn sie in Grenchen ihren Einkauf besorgen. Seit vergangenem Sonntag versteht man, warum.

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